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Mehmet Turgut

Mehmet Turgut wurde am 3. Januar 1979 im türkischn Kayalık geboren. In dem kleinen kurdischen Dorf lebte er mit seinen vier Geschwistern und seinen Eltern, die als Landwirte tätig waren. Seit seinem 17. Lebensjahr versuchte Mehmet Turgut in Deutschland oder Österreich Fuß zu fassen. Er träumte von einem unabhängigen Leben in Deutschland, wollte hier eine Familie gründen und seine Eltern unterstützen. Um sich seinen Traum zu verwirklichen, nahm er verschiedene Jobs an, arbeitete in Imbissen oder als Erntehelfer. Mehmets jüngster Bruder Mustafa erinnert sich: „Memo – so nannten wir meinen großen Bruder Mehmet. Ich war 12 Jahre alt, als er in Deutschland ermordet wurde. […] Wir hatten […] nur wenig gemeinsame Zeit miteinander, denn Memo war häufig in Deutschland. Seine […]

Terrornetzwerk NSU

Neonazis der Terrororganisation „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) ermordeten zwischen 2000 und 2006 zehn Menschen in verschiedenen deutschen Großstädten. Der NSU verübte mindestens 43 weitere Mordversuche, 15 Banküberfälle und drei Sprengstoffanschläge. https://www.bpb.de/fsd/rechtsextremismus/infografik_nsu/index.html# Zwei der Haupttäter, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, nahmen sich nach einem missglückten Banküberfall 2011 das Leben. Daraufhin zündete die dritte Haupttäterin, Beate Zschäpe, die gemeinsame Wohnung in Zwickau an, verschickte Bekennervideos und stellte sich wenige Tage später der Polizei. Im Juli 2018 wurde Beate Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt. Vier Unterstützer erhielten Haftstrafen zwischen zweieinhalb und zehn Jahren. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Trotz Hinweisen von Zeugen und über 40 Spitzeln im Umfeld der TäterInnen gelang es den Behörden nicht, die neonazistische Mordserie aufzuklären. Sie ermittelten stattdessen im […]

Gedenken an Mehmet Turgut

Zivilgesellschaftliche Initiativen erinnern seit der Selbstenttarnung des NSU im November 2011 mit Gedenkveranstaltungen an Mehmet Turgut. Zum zehnten Todestag von Mehmet Turgut wurde 2014 durch die Stadt ein Denkmal eingeweiht. Es besteht aus zwei Betonbänken, die sich versetzt gegenüberstehen und zu einer Begegnung einladen sollen. Zum Todeszeitpunkt von Mehmet Turgut am 25. Februar zwischen 10.10 und 10.20 Uhr scheint die Sonne zwischen den Bänken hindurch. Auf den Bänken sind Inschriften in deutscher und türkischer Sprach angebracht. Die Forderung der Familie von Mehmet Turgut, die Straße am Tatort nach Mehmet Turgut umzubenennen wurde bis heute nicht umgesetzt. Zivilgesellschaftliche Initiativen erinnern immer wieder mit symbolischen Straßenumbenennungen an Mehmet Turgut.

Änderung des Asylrechts

„Politisch Verfolgte genießen Asyl“. Dieser Schutz für verfolgte Menschen ist im Grundgesetz festgeschrieben. Seit den 1980er Jahren stieg die Zahl der Asylanträge in Deutschland. Die CDU wollte die Zuwanderung begrenzen und forderte eine Änderung des Asylrechts. Da hierfür das Grundgesetz geändert werden musste, war sie auf die Zustimmung der SPD angewiesen. Die SPD weigerte sich das Recht auf Asyl einzuschränken, das als Konsequenz auf die nationalsozialistische Verfolgung 1949 im Grundgesetz verankert worden war. In der öffentlichen Debatte wurde Migrant*innen unterstellt, das Asylrecht zu missbrauchen und so rassistische Gewalt zu provozieren. Politiker*innen argumentierten, die Zuwanderung müsse eingeschränkt werden, um rechte Übergriffe zu verhindern. Am Wochenende des Pogroms in Lichtenhagen schwenkte auch die SPD-Führung auf diesen Kurs ein und befürwortete fortan eine […]

Politische Konsequenzen

„Ich bitte alle um Vergebung, die in den letzten Wochen und Tagen durch das klägliche Versagen verantwortlicher Politiker Ängste und Schrecken erleben mussten, in Gefahr gerieten oder gar verletzt wurden. Ich fühle mich mitverantwortlich. Ich selbst habe nicht alles in meinen Kräften Stehende getan, um das Geschehene zu verhindern und ich schäme mich zutiefst.“ Offener Brief Knut Degner, Pressesprecher SPD Fraktion im Schweriner Landtag, 30. August 1992 Knut Degner, Pressesprecher der SPD im Schweriner Landtag, war einer der ersten Politiker*innen, die öffentlich bei den Betroffenen der rassistischen Brandanschläge um Entschuldigung baten. In einem offenen Brief wies er auch auf die individuelle Verantwortung von Stadt- und Landesvertreter*innen hin. Daraufhin wurde er beurlaubt und gab seinen Posten auf, „um sich nicht zum […]

Geschichte der städtischen Gedenkkultur

Das Künstler*innenkollektiv SCHAUM erklärt die Idee hinter der Gestaltung der Gedenkstele „Politik“: Die Gedenkstele ist Teil des Denkmals „Gestern Heute Morgen“, das 2017-2018 eingeweiht wurde. Es ging als Siegerentwurf aus einem städtischen Kunstwettbewerb hervor. Wie ein angemessenes Gedenken an die tagelangen rassistischen Übergriffe in Lichtenhagen 1992 aussehen könnte, war lange Zeit umstritten. Erste Versuche einen dauerhaften Erinnerungsort zu schaffen, gab es bereits wenige Wochen nach dem rassistischen Pogrom. Die „Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich“ brachten am 19. Oktober 1992 eine Gedenktafel am Rathaus an und besetzten das Gebäude. Die Bürgerschaft ließ die Gedenktafel kurz darauf entfernen. In den folgenden Jahren hielten vor allem zivilgesellschaftliche Initiativen und Engagierte aus dem Kultur-, Medien- und Wissenschaftsbereich die Erinnerung an die […]

Zivilgesellschaftliche Reaktionen auf das Pogrom

In den Tagen nach dem Pogrom kam es in Rostock und in anderen deutschen Städten zu Kundgebungen und Demonstrationen gegen rassistische Gewalt. In Rostock folgten am 25. August 250 Menschen dem Aufruf des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu einer Kundgebung vor dem Rathaus. Zwei Tage darauf versammelten sich 6.000 Menschen zu Kirchenandachten in Rostock und einem Schweigemarsch unter dem Motto „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Aufgerufen hatte ein breites Bündnis aus lokalen Vertreter*innen von Kirchen, Frauenvereinen und anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen. Zu einer überregionalen Demonstration unter dem Motto „Stoppt die Pogrome“ kamen am Wochenende nach den rassistischen Ausschreitungen mehr als 20.000 Menschen nach Rostock-Lichtenhagen. In Rostock organisierten sich in Folge des Pogroms antifaschistische Gruppen und Bündnisse, die auch in den folgenden Wochen […]

Antifaschistischer Protest während des Pogroms

Das Jugendalternativzentrum (JAZ) bezog 1991 einen ehemaligen Kindergarten im Rosengarten. 1992 berichtete das Medienprojekt „Zyklop“ über den neu entstandenen kulturellen und sozialen Freiraum. Ute und Sandra, 1992 17 und 19 Jahre alt, erzählen über das Jugendalternativzentrum (JAZ) und wie sie die Bedrohung durch rechte Gewalt Anfang der 1990er Jahre in Rostock erlebten: Sie schildern ihre Überforderung angesichts der gewaltvollen Dynamik in Lichtenhagen und wie sie versuchten, vom JAZ aus Gegenproteste zu organisieren: Am Sonntagabend, dem zweiten Tag des Pogroms, demonstrierten 200-300 Personen in Lichtenhagen gegen die rassistische Gewalt. Ute und Sandra schildern ihre Eindrücke von der Demonstration:

Gestaltung Stele „Gesellschaft“

Welche Idee hinter der Gestaltung der Stele als Vogelhäuschen steckt, erzählen die Künstler*innen im Interview: Zur Gedenkstele ist das Kinderbuch „Traut euch, kleine Vögel!“ von Ulrike Steinke erschienen.

Berichterstattung während des Pogroms

Die rassistischen Übergriffe wurden ab Sonntag live von zahlreichen Fernsehsendern übertragen. An die Wirkung dieser Berichterstattung erinnert sich Michael Schmidt, 1992 Redakteur beim Nordmagazin: Die Bilder der Ereignisse gingen um die Welt. In zahlreichen internationalen Medien wurde über das Pogrom berichtet.