„Empathie“ – Doberaner Platz

Die Stele „Empathie“ ist den Betroffenen des rassistischen Pogroms von Rostock-Lichtenhagen 1992 gewidmet. Sie wurde als sechste, zusätzliche Stele des Denkmals „Gestern Heute Morgen“ 2018 eingeweiht. Die Marmorstele zeigt den Negativabdruck eines Mannes und einer Frau und lädt zur empathischen Umarmung ein.

Die tagelangen rassistischen Übergriffe auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen 1992 richteten sich gegen Geflüchtete, die in der dortigen Erstaufnahmestelle untergebracht waren und gegen vietnamesische Rostocker*innen, die dort in einer Unterkunft lebten.

Die Asylsuchenden wurden am dritten Tag des Pogroms evakuiert und auf andere Unterkünfte im Land verteilt. Auch hier waren sie mitunter rassistischer Gewalt ausgesetzt. Viele Geflüchtete erhielten keine Aufenthaltsgenehmigung. Auch das Bleiberecht der ehemaligen Vertragsarbeitnehmer*innen aus Vietnam wurde erst 1997 endgültig für alle politisch geregelt.

Die Betroffenen des Pogroms erhielten von staatlicher Seite weder Angebote für Entschädigungen oder Schadensersatz noch für Unterstützung in Form von Beratung, psychologischer Betreuung oder individueller Hilfe. Zehn Jahre nach den Ereignissen entschuldigte sich der damalige Rostocker Oberbürgermeister, Arno Pöker, erstmals offiziell bei den Betroffenen.

Nach dem Pogrom organisierten sich Rostocker*innen mit Migrationserfahrung in Vereinen und politischen Gremien wie dem Migrantenrat (früher „Ausländerbeirat“), dessen Wahl seit 1991 vorbereitet worden war. Die Vietnames*innen gründeten im Oktober 1992 den Verein Diên Hồng e.V., um ihre Perspektiven in die Stadtgesellschaft zu tragen.

Beide Organisationen haben heute ihren Sitz im Interkulturellen Zentrum im Waldemarhof. Der Trägerverein des Waldemarhofes initialisierte und finanzierte die Errichtung der Gedenkstele „Empathie“.

Folgen für Asylsuchende

Flüchtlinge, die die rassistischen Angriffe in der Zentralen Aufnahmestelle (ZASt) in Rostock-Lichtenhagen miterleben mussten, wurden auf andere Unterkünfte in Mecklenburg-Vorpommern verteilt. Mima und Anka schildern in dem Video die Isolation in den Unterkünften und die ständige Bedrohung durch rassistische Gewalt.

Siobhan Cleary; Mark Saunders: The truth lies in Rostock – Die Wahrheit liegt (lügt) in Rostock, 1993.

Für die betroffenen Geflüchteten gab es nach den Anschlägen von staatlicher Seite weder eine Entschuldigung noch individuelle Betreuungs- und Hilfsangebote oder Entschädigungen.

Einen Monat nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen unterzeichneten der deutsche und der rumänische Innenminister ein „Rücknahmeabkommen“. Es ermöglichte, abgelehnte Asylsuchende auch ohne Ausweispapiere nach Rumänien abzuschieben. Insbesondere den Rom*nja unter den rumänischen Geflüchteten drohte die unfreiwillige Rückkehr in ein Land, in dem sie rassistischer Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt waren.

Um sich mit den betroffenen Rom*nja zu solidarisieren, protestierte am 14. Oktober 1992 eine Gruppe jüdischer Menschen aus Frankreich zusammen mit dem Roma National Congress am Rostocker Rathaus. Bereits seit 1989 hatten Rom*nja in einer Vielzahl von deutschen Städten mit Hungerstreiks, Demonstrationen, Camps und Besetzungen gegen die Asylpolitik protestiert und die Einhaltung von Menschenrechten gefordert.

Französische Aktivist*innen vor dem Rathaus in Rostock © picture-alliance / dpa | Bernd Wüstneck
Französische Aktivist*innen vor dem Rathaus in Rostock © picture-alliance / dpa | Bernd Wüstneck
Besetzung des Rathauses in Rostock © picture-alliance/ ZB | Bernd Wüstneck
Besetzung des Rathauses in Rostock © picture-alliance/ ZB | Bernd Wüstneck
Die von den Aktivist*innen angebrachte Gedenktafel © picture-alliance/ ZB | Bernd Wüstneck
Die von den Aktivist*innen angebrachte Gedenktafel © picture-alliance/ ZB | Bernd Wüstneck

Die Zentrale Aufnahmestelle (ZASt) für Geflüchtete im Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen blieb geschlossen. Die neue Erstaufnahmestelle wurde in Hinrichshagen eingerichtet. Im Mai 1993 wurde die ZASt in Nostorf-Horst eröffnet. Dort befindet sie sich bis heute. Gegen die Unterbringungssituation in Horst finden monatlich Mahnwachen von Bewohner*innen und antirassistischen Gruppen statt:

© Bildwerk-Rostock
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Folgen für die Vietnames*innen

Nachdem die Vietnames*innen der lebensbedrohlichen Situation während des Brandanschlags nur entkommen konnten, weil sie sich selbst aus dem brennenden Haus befreiten, waren sie zunächst in einer Turnhalle in Marienehe und später in zwei Ferienheimen in der Nähe von Rostock untergebracht. Sie erhielten staatlicherseits keine Beratungs- und Unterstützungsangebote oder Entschädigungen.

„Die Stadtverwaltung hat zu diesem Zeitpunkt gesagt, dass der Brand gelöscht ist, alle Türen für uns offen sind, und wir ohne Angst in unsere Wohnungen zurückkehren können. Aber mir konnte keiner erzählen, dass wir mit kaputten Türen sicher sein konnten. Aus diesem Grund haben wir uns geweigert zurückzugehen.

Drei Tage hat es gedauert, bis die Stadt gesagt hat, ja sie sieht ein, dass die Gefahr immer noch besteht und hat dann entschieden, dass wir im Landschulheim Niex für die nächsten zwei Wochen untergebracht werden sollen.

Und in dieser Zeit haben wir uns zusammengesetzt und uns Gedanken gemacht, ob wir weiterhin in Rostock leben können, wie wir weiterhin in Rostock leben können, und was wir machen müssen, um in Rostock leben zu können. Und in diesen Tagen war die Idee mit der Vereinsgründung entstanden. Wir haben uns gesagt, dass ein passives Verhalten uns nicht mehr nützt.“

Rede von Nguyen do Thinh auf der Gedenkveranstaltung 2002

Link zur vollständigen Rede von Nguyen do Thinh

Wenige Wochen nach dem Pogrom organisierten sie sich im Verein Diên Hồng. Im Sonnenblumenhaus entstand 1994 in Trägerschaft des Vereins eine Begegnungsstätte, die bis 1999 betrieben wurde.

Siobhan Cleary; Mark Saunders: The truth lies in Rostock – Die Wahrheit liegt (lügt) in Rostock, 1993.

Die vietnamesischen Betroffenen des Pogroms waren, obwohl sie teilweise seit Anfang der 1980er Jahre in Deutschland lebten, jahrelang von einer Abschiebung bedroht. Seit 1993 erhielten auf Basis einer Bleiberechtsregelung nur Personen eine befristete Aufenthaltserlaubnis, die keine Vorstrafen hatten und keine Sozialleistungen erhielten. Erst 1997 wurde das Bleiberecht ehemaliger Vertragsarbeiter*innen endgültig für alle politisch geregelt und die Möglichkeit zum Familiennachzug geschaffen.

Mai-Phuong Kollath, die 1981 als Vertragsarbeiterin nach Rostock kam, schildert, wie sie die Unsicherheit während der jahrelangen Bleiberechtsdiskussion wahrnahm:

·         Mai-Phuong Kollath im Interview mit Christian Höntzsch, 2012.

Migrantische Organisationen in Rostock

Als Reaktion auf das Pogrom von Lichtenhagen gründeten die in Rostock lebenden Vietnames*innen den Verein „Diên Hông – Gemeinsam unter einem Dach e.V.“. Damit wollten sie den Schutz gegen rassistische Gewalt organisieren, ihren Interessen gegenüber Staat und Gesellschaft selbstbestimmt Gehör verschaffen und das Zusammenleben mit ihren Nachbar*innen aktiv gestalten. Im Dezember 1992 rief der Verein zu einer Demonstration gegen die drohende Abschiebung von vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen in Schwerin auf. Im Video kritisieren Teilnehmende der Demonstration die Haltung der Landesregierung vor dem Hintergrund des Pogroms:

Aufnahmen von der Demonstration in Schwerin , Spectacle Archive, 1992.

Bis 1999 betrieb der Verein eine Begegnungsstätte im Sonnenblumenhaus. Mai-Phuong Kollath, berichtet, wie sie in der Arbeit dort ihre vietnamesische Identität nicht mehr verleugnen musste und welche Erfahrungen sie in der Selbstorganisation machte:

·         Mai-Phuong Kollath im Interview mit Christian Höntzsch, 2012.

Wenige Wochen nach dem Pogrom wurde in Rostock einer der ersten Migrant*innenräte (früher: Ausländerbeiräte) der ostdeutschen Bundesländer gewählt. Schon seit 1991 war dessen Wahl vorbereitet worden. Imam-Jonas Dogesch, Mitglied des Rostocker Migrantenrates, schildert die Ermöglichung von politischer Teilhabe durch das Gremium und die Vorbildfunktion für andere Regionen:

Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“; Rostocker Offener Kanal (rok-tv):
Fernsehstudiosendung „Lichtenhagen im Gedächtnis“, 2018.

Geschichte und Gestaltung der Steele

Bereits zum 20. Jahrestag des Pogroms im Jahr 2012 gab es Kritik daran, dass die Perspektiven und Stimmen der vietnamesischen und geflüchteten Betroffenen im Gedenken und in der Berichterstattung kaum eine Rolle spielten. Diese Leerstelle zeigte sich auch in den dezentralen Erinnerungsorten – keine der fünf 2017 eingeweihten Stelen war den Betroffenen gewidmet, die 1992 in Lichtenhagen angegriffen wurden.

Der Trägerverein des Waldemarhofes ergriff die Initiative und organisierte und finanzierte die Errichtung einer sechsten Stele, was große Zustimmung beim Migrantenrat und migrantischen Vereinen fand.

2018 wurde die zusätzliche Stele „Empathie“ am Doberaner Platz eingeweiht. Sie soll zur solidarischen Geste der Umarmung einladen, erklärt die Künstler*innengruppe SCHAUM:

Künstlergruppe SCHAUM im Interview mit dem Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“, 2018.

Die Stele wird als Erinnerungsort für Betroffene rechter Gewalt genutzt, wie zum Beispiel bei einer Gedenkveranstaltung für die Toten der rassistischen Anschläge in München und Utøya im Juli 2021 oder beim Gedenken an den rassistischen Terroranschlag in Hanau.

Gedenken „Rechten Terror bekämpfen! 10 Jahre nach Utøya“, 2021 © Bildwerk Rostock
Gedenken „Rechten Terror bekämpfen! 10 Jahre nach Utøya“, 2021 © Bildwerk Rostock