„Gesellschaft“ – Rosengarten

An dieser Stelle befand sich von 1991 bis 2000 das Jugendalternativzentrum (JAZ). Von hier aus wurden 1992 Proteste gegen das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen organisiert, an die die Stele „Gesellschaft“ erinnert.

Das JAZ war eines der ersten selbstverwalteten Jugendzentren in Rostock nach dem Ende der DDR. Hier trafen sich junge Menschen unterschiedlicher Subkulturen und engagierten sich in vielfältigen Projekten und Initiativen.

Von Beginn an gab es Jugendliche im JAZ, die sich gegen Nazis und Rassismus organisierten. Nachdem in der Presse gewalttätige Übergriffe auf das Sonnenblumenhaus angekündigt wurden, gehörten Jugendliche aus dem JAZ zu den wenigen, die sich vor Ort in Lichtenhagen aktiv an die Seite der Angegriffenen stellten und sie während des Pogroms im Haus unterstützten.

Das JAZ entwickelte sich während der Pogromtage zu einem Informationszentrum und Ausgangspunkt vielfältiger Aktivitäten. Hier wurde die einzige Gegendemonstration während des Pogroms organisiert: Etwa 200 Menschen gingen am Sonntagabend in Lichtenhagen auf die Straße, um sich mit den angegriffenen Geflüchteten und Vietnames*innen zu solidarisieren. Unterstützt wurden die Jugendlichen aus dem JAZ von Aktivist*innen aus anderen Städten, die nach Rostock gekommen waren, um etwas gegen die rechte Gewalt zu unternehmen.

Nach dem Pogrom kam es in Rostock und bundesweit zu Demonstrationen und Kundgebungen gegen rechte Gewalt. Etwa 20.000 Menschen demonstrierten am Wochenende nach den Ereignissen in Lichtenhagen unter dem Motto „Stoppt die Pogrome! Solidarität mit Flüchtlingen! Bleiberecht für alle!“.

In Rostock gründeten sich in Folge der rassistischen Anschläge antifaschistische Bündnisse und Initiativen. Das JAZ ist bis heute ein selbstverwaltetes Jugendzentrum und befindet sich seit 2001 in der Lindenstraße.

Geschichte des Jugendalternativzentrums (JAZ)

Während das Ende der DDR für viele Menschen mit Perspektivlosigkeit und existentiellen Unsicherheiten einherging, öffneten sich für Jugendliche aber auch neue Freiräume und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung.

In Rostock existierte in der sogenannten Umbruchzeit nach dem Fall der Mauer eine vielfältige Szene aus Angehörigen verschiedener Subkulturen, Wohnungsbesetzer*innen und Menschen, die bereits in der DDR oppositionell aktiv waren. Aus diesem Kreis entstand die Idee eines selbstverwalteten Zentrums für alternative Jugendliche und Projekte in Rostock. Im Juni 1990 wurde der Verein „Jugend-Alternativ-Zentrum e.V.“ gegründet, der 1991 einen ehemaligen Kindergarten im Rosengarten bezog.

Logo des Jugendalternativzentrums JAZ

1992 berichtete das Medienprojekt „Zyklop“ über den neu entstandenen Jugendtreff, der sich als sozialer und kultureller Freiraum verstand:

Beitrag des Rostocker JugendVideoJournals ZYKLOP, 1992. Zur Verfügung gestellt von Matthias Spehr.

Mit dem „Jugendalternativzentrum“ (JAZ) entstand ein basisdemokratisch organisierter Treffpunkt, in dem zahlreiche soziale, kulturelle und politische Projekte ehrenamtlich verwirklicht wurden. Darunter waren ein Café, ein Infoladen, eine Fahrradwerkstatt, Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung, ein Kinderladen und Beratungscafés. Darüber hinaus war das JAZ ein Raum für Veranstaltungen, Konzerte und Treffpunkt für verschiedene Subkulturen:

Ausschnitt aus der Dokumentation „Die Distel im Beton – Erinnerungen an 20 Jahre JAZ“, 2010, © JAZ e.V.

Aus dem JAZ heraus brachten sich junge Menschen auch in stadtpolitische Diskussionen ein und beteiligten sich an politischen Aktionen, z.B. gegen die Schließung des Jugendradiosenders DT64, die Rostocker Olympiabewerbung oder einen Gründungsparteitag der neonazistischen Deutschen Volksunion (DVU) in Rostock.

Eine der ersten Initiativen, die im JAZ entstand, bemühte sich Anfang der 1990er um langfristige Lösungen für „Erhaltungswohnende“, die leerstehende Altstadtwohnungen und Häuser besetzt und dadurch vor dem weiteren Verfall bewahrt hatten:

Ausschnitt aus der Dokumentation „Die Distel im Beton – Erinnerungen aus 20 Jahren JAZ“, 2010, © JAZ e.V.

Der Fortbestand des JAZ stand mehrfach auf der Kippe. 1993 lief der Vertrag zur Nutzung der Räume im Rosengarten aus, für ein Bauprojekt sollten diese abgerissen werden. Nach Protesten wurde ein neuer Standort für das JAZ in der Lindenstraße 3b gefunden, an dem sich das Jugendzentrum bis heute befindet.

Das JAZ am heutigen Standort in der Lindenstraße, Bild ersetzen

Antifaschistischer Protest während des Pogroms

Bereits vor dem rassistischen Pogrom in Rostock-Lichtenhagen prägte rechte Gewalt den Alltag all jener, die nicht in das Weltbild der Neonazis passten. Auch viele Besucher*innen des JAZ wurden bedroht und angegriffen. In einem Interview berichten Ute und Sandra, 1992 17 und 19 Jahre alt, wie das Jugendalternativzentrum (JAZ) zum Anlaufpunkt für jene wurde, die von rechter Gewalt betroffen waren, und wie sie versuchten, Schutz gegen die Übergriffe zu organisieren:

Tini Zimmermann, Nora von Gaertner: Das Pogrom von Lichtenhagen aus Perspektive von Antifaschistinnen, 2017.

Nachdem in Rostocker Tageszeitungen rassistische Übergriffe in Lichtenhagen angekündigt wurden, bereiteten sich Jugendliche aus dem JAZ zusammen mit vietnamesischen Bewohner*innen des Sonnenblumenhauses und weiteren Unterstützer*innen auf eine mögliche gewalttätige Eskalation vor. Ute und Sandra schildern, wie sie die Situation in Rostock-Lichtenhagen wahrnahmen und versuchten, Proteste gegen die rassistische Gewalt zu organisieren.

Tini Zimmermann, Nora von Gaertner: Das Pogrom von Lichtenhagen aus Perspektive von Antifaschistinnen, 2017.

Nach langen Diskussionen entschlossen sich am Sonntagabend, dem zweiten Tag des Pogroms, die im JAZ versammelten Aktivist*innen zu einer Demonstration vor dem Sonnenblumenhaus. Obwohl sie mit nur 200 bis 300 Personen den rassistischen Angreifenden zahlenmäßig klar unterlegen waren, gelang es den Antifaschist*innen, diese kurzzeitig zu vertreiben. Die erfolgreiche Demonstration ist im Ausschnitt aus der Dokumentation The truth lies in Rostock zu sehen:


Siobhan Cleary; Mark Saunders: The truth lies in Rostock – Die Wahrheit lügt (liegt) in Rostock, 1993.

Mit der Demonstration wollten die Aktivist*innen den angegriffenen Geflüchteten und Vietnames*innen zeigen, dass sie auch Unterstützer*innen in Rostock haben. Am Ende der Demonstration wurden 60 Antifaschist*innen von der Rostocker Polizei verhaftet. Ute und Sandra schildern im Interview ihre Eindrücke von der Demonstration und die Unterstützung für die Festgenommenen:

Tini Zimmermann, Nora von Gaertner: Das Pogrom von Lichtenhagen aus Perspektive von Antifaschistinnen, 2017.

In der Presse wurden die Festnahmen teilweise so dargestellt, als hätte die Polizei Neonazis verhaftet. Die gefangenen Antifaschist*innen wendeten sich mit einem Protestschreiben aus der Gefangenensammelstelle an die Öffentlichkeit, in dem sie über ihre Situation berichteten.

Presseerklärung der 60 antifaschistischen Gefangenen in der Gefangenensammelstelle zu ihrer Situation am 23./24. August 1992
Presseerklärung der 60 antifaschistischen Gefangenen in der Gefangenensammelstelle zu ihrer Situation am 23./24. August 1992
Presseerklärung der 60 antifaschistischen Gefangenen in der Gefangenensammelstelle zu ihrer Situation am 23./24. August 1992
Presseerklärung der 60 antifaschistischen Gefangenen in der Gefangenensammelstelle zu ihrer Situation am 23./24. August 1992
Kassiber von Rostocker Gefangenen am 23./24. August 1992
Kassiber von Rostocker Gefangenen am 23./24. August 1992

Zivilgesellschaftliche Reaktionen auf das Pogrom

In den Tagen nach dem Pogrom gab es in Rostock und in anderen Städten Kundgebungen, Kirchenandachten und Demonstrationen gegen rassistische Gewalt.

Am 25. August 1992 folgten 250 Menschen dem Aufruf des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu einer Kundgebung vor dem Rostocker Rathaus. Zwei Tage darauf versammelten sich 6.000 Menschen zu Kirchenandachten in Rostock und einem Schweigemarsch unter dem Motto „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Aufgerufen hatte ein breites Bündnis aus lokalen Vertreter*innen von Kirchen, Frauenvereinen und anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen.

Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London
Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London
Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London
Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London
Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London
Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London
Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London
Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London
Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London
Schweigemarsch
Schweigemarsch „Zündet Kerzen an und keine Häuser“. Rostock, 27. August 1992, © Spectacle Archive London

Zu einer Demonstration unter dem Motto „Stoppt die Pogrome! Solidarität mit Flüchtlingen! Bleiberecht für alle!“ kamen am Wochenende nach den rassistischen Anschlägen mehr als 20.000 Menschen nach Rostock-Lichtenhagen. Zu der Demonstration hatten bundesweit und international antifaschistische und antirassistische Gruppen aufgerufen. Anders als am Wochenende des Pogroms war die Polizei mit zahlreichen Einsatzkräften vor Ort. Im Video sind Aufnahmen von der Demonstration und Interviews mit Demonstrant*innen zu sehen:

In Rostock organisierten sich in Folge des Pogroms antifaschistische Gruppen und Bündnisse, die Proteste gegen neonazistische Aktivitäten organisierten.

Gestaltung der Stele „Gesellschaft“

Im Interview erklärt das Künstler*innenkollektiv SCHAUM die Gestaltung der Stele. In der Stele ist Platz für das Auslegen von Sonnenblumenkernen als Zeichen der Empathie. Dafür muss jedoch ein Feld von Disteln und Brennnesseln überwunden werden:

Künstlergruppe SCHAUM im Interview mit dem Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“, 2018.

Zur Gedenkstele ist das Kinderbuch „Traut euch, kleine Vögel!“ von Ulrike Steinke erschienen. Das Buch kann als PDF heruntergeladen werden.